12/10/2020 – Zu Besuch bei den Krishnas

Erst als mich die fleißigen Bewohner des kleinen Bauernhauses mit einem fröhlichen „Hare Krishna“ begrüßen, weiß ich wo ich hier überhaupt gelandet bin. Ich hätte es mir aber denken können. Bereits in Neuseeland bin ich dieser speziellen Ausrichtung indischer Spiritualität begegnet. Und wenn man so schnell und unbefangen zu Veranstaltungen eingeladen wird, die mit vegetarischem Essen und spirituellem Diskurs werben, dann steckt eben oft die Krishna-Gemeinde dahinter.

Ich werde im Speisesaal empfangen und bleibe wie so oft bei dem gesprächigsten Mitglied der Gruppe hängen. Ich glaube ich mag es, wenn es für soziale Interaktion genügt zu nicken und zu grinsen ohne viel reden zu müssen. Dann wirke ich als wäre ich offen, engagiert und integriert, obwohl ich eigentlich nur Opfer eines endlosen Monologs bin. Wenigstens stehe ich nicht alleine rum. Ich muss nur geschickte Fragen stellen, um den Monolog aufrechterhalten und es wirkt, als wäre ich Teil der Gruppe.

Der weitere Abend verläuft wie ich es bereits kenne. Gemeinsames Abendessen, gefolgt von dem typischen Singsang und einer zweistündigen Unterrichtsstunde über die Lehren der alten indischen Schriften. Verschleierte Geschichten über personifizierten Gottheiten und deren Jünger, die aber im Endeffekt die inneren Abläufe unseres Verstandes und die verschiedenen Stufen des Bewusstseins beschreiben. Spannender Shit.

In einem viel zu kleinen Raum für so viele Menschen in Coronazeiten sitze ich also und beobachte dieses Spektakel. Die Besucher sind alle gut drauf, es werden Witze erzählt und fröhlich gelacht. Mich irritieren die spontanen Aufschreie des Gurus, worauf die ganze Menge die Hände in die Luft wirft und ich verpasse immer wieder die Stichwörter, die den gemeinschaftlichen Jubel auslösen. Also sitze ich einfach da und erschrecke mich ab und zu.

Wir fangen an zu singen. Da ich gefühlt der Einzige im Raum bin, der die Texte der Lieder nicht auswendig kennt, versuche ich einfach die Melodien zu genießen und zu entspannen. Ganz gelingt mir das nicht. Unter anderem, weil mir die ältere Dame vor mir dauernd signalisiert ich solle doch mitsingen und hektisch mit ihrem Finger in meinem Gesangsbuch rumtippt, um mir zu zeigen in welcher Strophe wir gerade sind. Sie verwirrt mich mehr als sie mir hilft, zeigt mir grundsätzlich eh die falschen Strophen und bevor ich krampfhaft versuche die kryptischen Zeichen zu entschlüsseln, lausche ich lieber den Klängen des Harmoniums und gebe mich den Melodien hin. Ich glaube, das erfüllt auch viel mehr den Zweck dieser Veranstaltung, als wenn ich mich von der Geschwindigkeit des Singsangs nur stressen lasse. Nur die Dame mit dem Finger sieht das anders.

Nach typischer Krishnamanier endet der anfangs entspannte Gesang immer in völliger Ekstase. Langsam stehen mehr und mehr Anhänger auf und fangen wild an zu tanzen und zu zappeln. Ich, der ruhige Beobachter, der Spiritualität normalerweise mit Stille und Schweigen begegnet, steht widerwillig auf und bewegt sich leicht im Takt. Ich konnte es noch nie leiden, wenn mich Menschen animieren wollen irgendwo mitzumachen und noch weniger, wenn es bedeutet wild zappelnd und singend durch den Raum zu tanzen.

Ich geselle mich unauffällig zu der einzig anderen Person, die dem Ganzen ebenfalls etwas distanziert begegnet. Ich versuche mich genau so viel zu bewegen, dass ich nicht als Langweiler auffalle, aber auch nicht so wild, dass es mir zu viel wird.

Und doch werde ich ertappt. Ich habe es geahnt. Der total überzeugte, tüchtige Krishnajünger im traditionellen Gewand greift mich am Arm, zieht mich in die Menge und macht mir damit klar, dass mein leidiges Gewippe nicht genug Bewegung ist, um Krishna meine Liebe zu zeigen.

Zu allem Übel entdeckt der spirituelle Führer auch noch meine Bewegungsunlust und zeigt mir mit einer Geste, dass ich die nächste Strophe von dem Singsang alleine vorsingen soll. Völlig überfordert versuche ich kein Spielverderber zu sein, parke meine Introversion für 20 Sekunden außerhalb von dem Tempel und schreie aus vollem Hals „Hare Krishna Hare Krishna Krishna Krishna Hare Hare – Hare Rama Hare Rama Rama Rama Hare Hare“, worauf die anderen jubelnd wieder mit einstimmen. Geschafft. Es ist nicht aufgefallen, dass mir das alles bereits jetzt viel zu viel ist.

Nachdem es viel zu lange laut war, wird es endlich wieder still. Die Zeremonie ist vorbei und die überzeugten Anhänger eskortieren den Guru zu seinem Schlafgemach.

Ich habe keine Ahnung was passiert und packe einfach langsam meine Sachen für den Weg nach Hause. Die ganze Gemeinde übernachtet gemeinsam auf dem Gelände von dem Ashram und ich werde wiederholt und hoffnungsvoll gefragt, ob ich nicht auch die Nacht hier bleiben wolle. Mein Gefühl gibt mir ein klares „NEIN“ zu verstehen, aber ich scheue winde mich ein wenig um eine klare Antwort und frage leise den Gründer der Gemeinde, wann der nächste Bus fährt. „Was? Nein, es fahren keine Busse mehr. Der Letzte fuhr um 8:30Uhr.“

… Wie bitte? …

Das packe ich nicht. Nach dem ganzen Trubel brauche ich meine Ruhe. Die ganze Gemeinde ist erfreut über die Nachricht, dass ich wohl doch bleiben muss und plötzlich starren mich acht Krishnas erwartungsvoll an. Was mache ich jetzt?

Mein Gefühl sagt weiterhin ganz klar „NEIN“ und ich nehme dankend das Angebot des Gastgebers an, mich doch noch zu meiner Jugendherberge zu fahren. Ich bin erleichtert.  

In mein Hostelzimmer ist nur ein weiterer Gast eingezogen, der aber gerade nicht da ist. Es steht nur ein Koffer neben einem frisch gemachten Bett. Ich habe zum Glück zu dem Bett in der Ecke hinter der Trennwand gewechselt und freue mich auf eine ruhige Nacht, alleine, in meinem Bett, ohne 20 Mitbewohner. Nur ein leise schnarchender Mann irgendwo hinter dem Raumtrenner. Aber es gibt ja Oropax. Krishna sei gedankt!

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