09/11/2020 – Und wieder der Aussenseiter

Es könnte nicht schöner sein, wenn es nicht schöner sein könnte. Ich wohne seit geraumer Zeit auf einer Farm in der Mitte von Nirgendwo in Spanien. Es handelt sich um ein Permakultur Projekt, dessen Besitzer mich gefragt haben, ob ich hier für einige Zeit aushelfen und dafür kostenlos wohnen will. Es wirkte wie der perfekte Ort, um mich für einige Zeit niederzulassen. Ich versprach mir gleichgesinnte Menschen, die auf Nachhaltigkeit und bewussten Konsum achten. Menschen die es, so wie ich, geil finden sich im Supermarkt herauszufordern mit so wenig Plastik wie möglich nach Hause zu gehen. Menschen, die beim Duschen den Hahn abdrehen, während sie sich mit der Blockseife einseifen, die beim Kauf nur in ein bisschen Altpapier eingewickelt war.

Doch ich wurde schnell wieder auf den Boden der Tatsachen zurückgeholt. Die Besitzer wohnen nicht auf dem Hof selbst und so wohne ich mit den anderen Helfern zusammen. Ein paar Mittzwanziger, die zu einem großen Teil nicht hier sind, weil sie Permakultur und Nachhaltigkeit geil finden, sondern weil sie einen Ort brauchen, um ohne Mietkosten durch den Winter und den Lockdown zu kommen.
Ich fühle mich nach einigen Tagen wie in einem australischen Partyhostel. Der Müll ist voll mit leeren Cornflakes Packungen, Flüssigkeitsquelle Nummer 1 ist Cola und beim Duschen wird das Wasser 40 Minuten im Dauerlauf angelassen. Ich gucke in den Kühlschrank, der von oben bis unten mit dem billigsten plastik- und styroporverpackten Fleisch vollgestopft ist.

Wenn der Permakulturexperte vor Ort ist und uns erklärt, wie man Wälder wieder aufforstet und Land zur Regenration verhilft hängen ihm alle Helfer an den Lippen und Nicken alles ab, was er sagt. Wir sind unter anderem hier um Bäume zu pflanzen, weil das Land durch Rodung komplett unfruchtbar gemacht wurde und doch wird auf der anderen Seite ohne mit der Wimper zu zucken die Industrie unterstützt, die Grund Nummer 1 für die Abholzung unserer letzten Regenwälder ist. Ich glaube diese Verbindung wurde in den meisten Köpfen noch nicht geschaltet.

Naja, ich versuche es zu ignorieren und trotzdem meine Ruhe zu finden. Aber ich bin mit 6 fremden jungen Erwachsenen auf einem Hof im Nirgendwo. Und es passiert das, was immer passiert, wenn man junge Menschen irgendwo zusammen einsperrt. Jeder will hier und da Recht haben, mehr von der Welt verstanden haben und irgendwie etwas Besonderes darstellen. Also wird gelabert, argumentiert und mit halbgaren Meinungen umhergeworfen.

Kommentare wie „Sojamilch ist nicht gut, in Südamerika holzen Monsanto für den Sojaanbau die Regenwälder ab.“ fliegen mir ja ständig um die Ohren – aber hier? Nachdem ich ein paar Mal Meinungen dieser Art vernommen habe, entgegne ich genervt, dass das meist genmanipulierte Soja aus Südamerika fast ausschließlich als Tierfutter in der Fleischproduktion genutzt wird, in Europa für den Endkonsumenten nicht mal erlaubt ist und Tofu und Milchalternativen im Supermarkt meist aus europäischem Bio-Soja gewonnen wird. Wirklich hören will das keiner. Wenn die Argumente entkräftet sind, kann man ja nicht mehr seine Meinung verbreiten.

Ich finde es lustig zu beobachten, wie ich nach nur wenigen Tagen wieder der „Andere“ bin. Einfach dadurch, dass ich meine Zeit anders vertreibe und ein paar Prinzipien für mich selbst verfolge, steche ich oft schnell aus der Masse raus – aber für die meisten nicht im positiven Sinne. Ich trinke kein Alkohol, kiffe oder rauche nicht und esse kein Fleisch – und das auch noch aus ethischen Gründen. Für viele bin ich bereits dadurch ein totaler Langweiler, nur dass ich seit Jahren ein riesiges Abenteuer lebe – irgendwie passt das für die meisten nicht zusammen. Dazu wache ich morgens freiwillig vor 8 Uhr mit einem Lächeln auf und habe Lust auf dem Hof mit anzupacken. Für die anderen Helfer nicht nachvollziehbar. Sie schlurfen irgendwann gegen 10 Uhr aus ihren Zimmern und setzen eine Miene auf, als wäre in der Nacht ihr Haustier gestorben. Aber es ist einfach ein weiterer Tag in ihrem leidigen Leben.

Aber auch wenn ich einfach mein Ding durchziehe und mit Spaß bei der Sache bin, ist es anstrengend mit 80% Miesmachern zusammen zu leben. Auch ich habe mal einen schlechten Tag und dann werde ich mit einer selbstgerechten Grimasse belächelt. „Endlich geht’s ihm auch mal schlecht.“ Keine inspirierende Umgebung für mich.

Auch wenn die Umgebung, die Arbeit und die Sache an sich für mich dem Himmel auf Erden recht nahe kommen, macht die Gesellschaft doch ziemlich viel aus. In diesem Fall wäre ich lieber alleine irgendwo in einer Hütte im Wald.

Es ist wohl an der Zeit weiter zu ziehen.

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