15/01/2021 – Meine 4 ersten und letzten Tage im Netflix-Kosmos

Ich fühle mich mittlerweile ziemlich heimisch in Alicante auch wenn mich ein paar Kleinigkeiten noch immer etwas verstören.

Das erste sind die ganzen Tretminen auf den Bürgersteigen der Stadt. Ich habe noch nie in einer Stadt gelebt, in der man wirklich akribisch auf jeden Schritt achten muss. Die Hundebesitzer kennen wohl diese kleinen Plastiktüten nicht, mit denen man die kleinen braunen Bomben ihrer Vierbeiner beseitigen kann. Mülleimer gäbe es an jeder Ecke, aber Hundekottütenspender (schönes Wort) habe ich nur ganz wenige gesehen. Sogar in Ländern wie Indien, wo überall Müll rumliegt ist die Gefahr in Hundekot zu treten nicht so hoch. Auch wenn dort niemand hinter seinem Hund aufräumen würde, hat da einfach niemand einen Hund.

Weiterhin habe ich nicht so viel Kontakt mit Menschen, was mich aber gar nicht stört. Ich habe das Gefühl, auch so schon nicht genug Zeit zu haben. Nicht, dass ich mich gestresst fühle. Ganz im Gegenteil. Aber ich verbringe einfach so viel Zeit mit Selbstfürsorge, Ruhe und damit, meiner Inspiration freien Lauf zu lassen, dass kaum mehr Zeit für andere Aktivitäten übrig bleibt. Bei dieser Zeitplanung haben eben auch Aktivitäten wie Aufstehen wenn ich von selbst aufwache, morgendlicher Sport, 1-2 Stunden meditatives Sitzen am Strand und lange Spaziergänge eine hohe Priorität. Danach folgt dann das Schreiben, Kreieren und Videos machen. Und das ist ja genau das, was ich tun will. Ich will kreieren, nicht drüber reden.

Die Interaktionen mit den Bedienungen in meinen Stammcafés sind meistens schon schön genug für mich. Dann telefoniert man doch recht regelmäßig mit der Heimat. Und dann habe ich schon wieder Lust auf stilles Kreieren. Ich fange gelegentlich mal ein Gespräch mit Menschen in den Cafés an, aber wenn die Männer dieser Welt schon in den ersten 15 Minuten eines Gesprächs anfangen mit Klischeefloskeln wie „Ja, Alicante ist ganz ok. Wenigstens die Frauen sind hier hübsch.“ verliere ich schon wieder das Interesse. Ich habe überlegt mich mal bei so einem internationalen Sprachtreff anzumelden, bis ich dann die Bilder von den letzten Treffen gesehen habe. Viel zu schick angezogene, selbsternannte „Expats“ die sich in schicken Restaurants treffen. Irgendwie bin ich zu vernarbt von Treffen dieser Art, dass ich nicht mal Lust habe dieser neuen Gemeinschaft eine Chance zu geben.

Und doch habe ich abends meistens Zeit. Generell nutze ich die Zeit nach Sonnenuntergang zum Kochen und für abendliche Ruhe. Meine Tage sind zwar entspannt, aber die Arbeit im Kopf und die Konzentration beim Schreiben und Videoaufnahmen bringen mich zu dem Punkt, wo ich abends nicht mehr denken will. In irgendwelchen Bars aufbrausende Gespräche zu führen ist für mich da gar nicht interessant. Doch da in meinem viel zu kalten Zimmer abends nicht viele Möglichkeiten bleiben als sich ins Bett einzurollen, ich mein letztes Buch vor ein paar Tagen fertig gelesen habe und mein Neues noch irgendwo auf dem Postweg festhängt, hatte ich mir überlegt, doch mal ein paar Filmklassiker nachzuholen. Bisher habe ich mir ganz gezielt alle paar Monate mal einen Film online ausgeliehen und über Plattformen gestreamt, die dafür viel mehr Geld verlangen als heutzutage nötig. Bevor ich mich also dumm und dämlich bezahle überlege ich mir, mich doch mal bei einer Plattform anzumelden, die ich bisher erfolgreich und ohne Bereuen gemieden habe. Ich hatte noch nie einen Netflix Account, noch habe ich es überhaupt in Erwägung gezogen mich dort anzumelden.

Und plötzlich steht mir die Möglichkeit offen jeden Tag unendlich viele Serien, Filme und Dokus zu gucken. Uneingeschränkter Zugang zu der ganzen Welt der Unterhaltung. Das ist mir neu. Ich browse ein wenig durch die Mediathek, markiere die Filme, die ich eigentlich sehen wollte und finde neue Inhalte, die ich nicht vermisst habe, aber mich doch interessieren. Ich stolpere über die Serie Cobra Kai, von der ich vor kurzem zufällig gehört hatte, die die alte Geschichte vom ursprünglichen Karate Kid aufgreift und sehr gelungen sein soll.

Ich habe lange keine Drama Serien oder Filme geguckt. Wenn dann gucke ich Dokus oder Abenteuerfilme, die mich inspirieren. Und dann manchmal diese Filme, die so fern von der Realität sind, dass man sie kaum mit dem eigenen Leben in Verbindung bringen kann. Doch dieses Drama über Mobbing, Familiendramen und der Konkurrenzkampf im Highschoolleben bewegt mich schon. Es ist nicht die ernsteste aller Serien und ich weiß, da draußen sind viel heftigere Serien über die Abstürze irgendwelcher Vorstadtjugenden, aber für mich ist das schon genug. Mich berührt das Ganze sehr, ich kann mich ziemlich gut in die Charaktere hineinversetzen und mitfühlen. Irgendwie zu stark.

Ich merke, dass ich dieses Drama in modernen Serien überhaupt nicht mehr gewöhnt bin. Ich glaube das liegt wohl daran, dass ich in meinem eigenen Leben so gut wie kein Drama mehr vorfinde. Weder Beziehungs- noch Freundschaftsdrama. Keine Intrigen, keine Lügen und Hinterlist. Kein ständiger Hass oder künstlich geschürten Ängste und Misstrauen. Auch keine Wutausbrüche und völlig irrationale Gemütsschwankungen. Doch das Ganze in einer Serie zu verfolgen wirbelt mein Inneres fast genauso auf, als würde ich es direkt erleben. Außerdem stelle ich fest, dass es in diesen Serien niemanden gibt, der mal eine wirkliche Lösung für seine Probleme erarbeitet. Niemand, der gelernt hat mit seinen Emotionen umzugehen, der als Vorbild dienen könnte in dieser chaotischen Welt. Jeder schürt von seiner Seite mehr und mehr Drama und Probleme. Jeder der Charaktere könnte sowas von eine Therapie vertragen. Aber nein. Alle Charaktere kompensieren ihr schwindendes Selbstbewusstsein und ihre tiefsitzenden Ängste mit reaktivem Verhalten und kurzfristigen Machtgefühlen über anderer Charaktere Versagen. Und so wird das ganze Spektakel zu einem Pingpong Drama, wo jeder versucht sein eigenes Selbstbewusstsein in der Niederlage des Anderen wiederzufinden – ein endloser Kreislauf.

Nach meinen Erkenntnissen durch passives Mitverfolgen einiger Serien von ein paar Netflix-süchtigen Reisenden in diversen Hostels dieser Welt beschreibt diese Analyse vermutlich 90% aller Serien heutzutage.

Dazu kommen das immer-offene Ende und der dadurch kreierte Suchteffekt, der irgendwie einen Teil in unserer Psyche triggert, der einfach immer alles wissen will, besonders wenn es um das Ende von etwas geht. Stell dir vor du guckst Filme immer nur bis 10 Minuten vor Schluss und schaltest dann ab. Schon der Gedanken daran löst sogar bei mir eine gewisse Beklemmung aus aber so sind heutzutage alle Folgen fast aller Serien aufgebaut. Nicht so sehr die Komödien, bei denen nach jeder Folge alles wieder wie am Anfang ist, aber doch bei jeder dramatischen Serie. Umso schlimmer, wenn man sich mit den Charakteren identifizieren kann und zu den ganzen Dramatricks noch das menschliche Verlangen nach Zugehörigkeit ausgenutzt wird, um das Verlangen auf eine Fortsetzung zu triggern.

Ich erinnere mich, wie die englischsprachigen Mitbewohner meines Boardinghauses auf dem Weingut in Neuseeland mich genötigt haben eine deutsche, zu der Zeit sehr gehypte, Serie mit zu gucken. Irgendwas mit Zeitreisen in speziellen Zyklen, vielen Morden und Familiendramen über Generationen und Zeitgrenzen hinaus. Die Serie war wirklich gut und krass spannend und nach den ersten paar Episoden war ich echt gepackt. Allerdings wollte ich das gar nicht, aber ich konnte nicht aufhören darüber nachzudenken, was die Lösungen der Rätsel waren. Woher kommen diese absurden Morde? Was hat es mit diesen mystischen Höhlen, Zeitreisen und verschwindenden Charakteren auf sich? Wie klären sich die Fälle?

Aber ich wollte keine Zeit mehr dafür opfern, ich hatte zu der Zeit anderes zu tun. Um mir die Spannung zu nehmen, ging ich kurzerhand ins Internet und suchte eine Zusammenfassung aller Staffeln und las einfach kurz, wie sich das ganze Mysterium am Ende auflöst. Und schwupps, war mein nicht steuerbares Verlangen nach dem Ende der Serie befriedigt und ich musste nicht noch weitere zig Stunden meines Lebens dafür opfern mich durch die verwirrende Geschichte zu hangeln. Auch die ständige Neugier, der Gedankenschmalz der ins Miträtseln fließt, die emotionale Achterbahn und die generellen Grübeleien über die Serie blieben mir erspart. Für manche Menschen ist das gleich einer Todsünde. Für mich war das die pure Erleichterung.

Der Mensch hat doch genug Probleme, muss sich genug Gedanken über das eigene Leben machen und hat genug Sachen zu überdenken. Da brauch man doch nicht noch mehr mentalen Ballast. Alle meine Lehren der letzten Jahre, die mich so zufrieden machen, weil ich aufhörte unnötig über Sachen zu grübeln, werden ad absurdum geführt, wenn ich mir im Gegenzug Serien angucke, die meine Gedankenwelt wieder zu einem peitschenden Gedankensturm verwandeln. Irgendwie fühlte sich das Seriengucken der letzten 4 Tage so an als würde ich ständig Freunde bei mir zu Besuch haben, die einfach 2 Stunden am Stück über ihre Probleme jammern und mich, ohne gefragt zu werden, mit ihrem täglichen Drama vollquatschen.

Am nächsten Morgen erwische ich mich dabei, wie ich noch über die Serie und eine Doku nachgrübele, die ich am Abend vorher geguckt habe. Das reicht, dafür habe ich keine Zeit. Dafür will ich nicht meine mentale Kapazität verschwenden. Ich kümmere mich lieber um wahre Probleme und nutze meine Zeit für eigenes Kreieren und Erschaffen einer neuen Welt.

Mein Netflix Abo kündige ich nach 4 Tagen ohne mit der Wimper zu zucken.

Keine abendlichen Dramen mehr, kein unnötiges Wissen über imaginative Charaktere und Probleme, die mich eigentlich nicht interessieren brauchen.

Ruhe im Kopf.

Schön.

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