11/12/2020 – Kleinanzeigendrama in Spanien

Fahrradreisen sind wundervoll. Entspannt entlang der Flüsse Europas radeln und die Seele baumeln lassen.

Zug- und Rucksackreisen sind ebenfalls sehr entspannt. Man sitzt gemütlich in den warmen Wagons und lässt die Landschaft am Fenster vorbeiziehen.

Zugreisen mit dem Fahrrad, allerdings, sind nicht so romantisch. Seit der Entzündung von meinem Knie bin ich größtenteils mit dem Zug unterwegs und das Fahrrad ist nur mit dabei, als großer, klobiger Ballast. Wenn mich jemand irgendwo abholt, muss es mit einem großen Bus sein. Wenn ich mal wieder die Unterkunft wechsele, müssen alle Taschen sorgfältig organisiert und gepackt werden. Bekomme ich ein Angebot auf einer Farm irgendwo im Nirgendwo zu arbeiten, muss ich entweder tagelang hin radeln oder den Fahrer des Fernbusses bestechen, dass er extra für mich den Gepäckträger ausklappt. Meistens ist das allerdings nicht möglich.

Alles keine Probleme, die die Welt gerade interessiert, allerdings auch nicht das, was ich gerade suche. Ich hatte schon vor der Reise das Gefühl, dass die Sache mit dem Fahrrad nur vorübergehend ist. Mittlerweile denke ich, die Idee und der Traum von einer großen Fahrradreise war ein Überbleibsel von meinem großen Aufbruch im Jahre 2015. Damals hatten mich zwei Dinge von meiner Fahrradtour abgehalten: Mein schlechtes Equipment und ebenfalls meine Knie. Diesmal ist meine Ausrüstung recht gut, nur meine Knie spielen wieder nicht mit. Und Träume können sich ändern. Diese Fahrradreise fühlt sich für mich nicht mehr wirklich organisch an. Es fehlt der Flow. Es fühlt sich eher lästig an.

Und so lasse ich mich für einige Zeit in Alicante in Spanien nieder, um mich neu zu organisieren. Ich war 3,5 Jahre nur mit einem Rucksack unterwegs und mochte die Dynamik vom „Backpacking“. Hier schnell in einen Zug gesprungen, dort per Anhalter mitfahren und ab und an in ein Flugzeug steigen. Die Welt ist schön und Reisen einfach, wenn man nichts besitzt bis auf einen Rucksack.

Meine Anzeige läuft jetzt für ein paar Tage auf Facebook Marketplace. Ich finde es lustig zu bemerken, dass das Verhalten der Leute bei Online-Kleinanzeigern überall auf der Welt gleich ist. Wie hat sich stillschweigend diese Form der Kommunikation weltweit etabliert in der so unfreundlich und ignorant wie möglich verhandelt wird. Trotz meinen nicht vorhandenen Spanisch Kenntnissen verstehe ich sofort was „ultimo precio“ heißt und fange an, die Anfragen sehr schnell auszusortieren.
„Letzter Preis“ – Man will nicht mal mehr dafür arbeiten einen unverschämt günstigen Preis für gute Ware zu bekommen. Und ich soll meinen zuverlässigen Weggefährten an jemanden abtreten, der sich mehr für den besten Preis interessiert, als für die Möglichkeiten, die dieses Fahrrad ihm oder ihr eröffnet?

Ich lasse mich nicht durch viel aus der Ruhe bringen. Ich sehe vieles mit einer gelassenen Gleichgültigkeit und ich habe größtenteils gelernt meine Zufriedenheit nicht von dem Ergebnis von Situationen abhängig zu machen. Aber wenn ich Dinge verkaufe, die mir gute Dienste geleistet haben, will ich, dass sie an jemanden gehen der sie wertschätzt. Ich will nicht, dass mein Fahrrad nur einen Kaufimpuls, die Gier nach Zeug und das Verlangen nach einer erfolgreichen Preisverhandlung befriedigt und dann auf ewig im Keller steht. Oder, dass gekaufte Dinge teurer weiterverkauft oder nur schnell mal benutzt und dann weggeworfen werden. Es könnte mir ja egal sein, aber ich verschenke und verkaufe auf den Kleinanzeigern, damit ich nichts wegschmeißen muss. Nicht um Geld zu machen oder sinnlose Konsumlust zu stillen. Ich will keinen Müll produzieren, weil es immer Leute gibt, die die Dinge noch brauchen können.

Vor meiner Reise wollte ich meinen sehr einfachen Schreibtisch verschenken. Nur eine Tischplatte mit Beinen, aber super praktisch. Viele Studenten meldeten sich, die wirklich einen Schreibtisch brauchten. Doch die erste Anfrage war ein älterer Herr, der mittelunfreundlich meinte er könne ihn direkt abholen. Ich hatte kein gutes Gefühl dabei, aber das Ding musste weg. Beim Einladen in sein Auto, grinste er mich plötzlich stolz an und meinte „Ich brauche eigentlich nur die Beine, aber ich nehme die Tischplatte mal mit. Ich bringe sie einfach zur nächsten Mülldeponie.“ Ich guckte ihn ungläubig an und ließ ihn wegfahren.

Soll ich dankbar dafür sein, dass jemand meine funktionierende Ware in den nächsten Müll schmeißt? Es gibt bestimmt mehrere hundert Studenten, die einen ordentlichen Schreibtisch gebraucht hätten und ich gerate an den einen Kerl, der vermutlich nur die Tischbeine weiterverkaufen will. Zur nächsten Müllhalde hätte ich es auch bringen können. Schade drum.

Wegen dieser Art Erfahrungen werde ich immer wählerischer beim Verkauf von Waren über Kleinanzeiger. Jemand, der nicht mal „Hallo“ sagen kann wird direkt ignoriert. Zu starke Preisverhandlungen auch. Wenn der richtige Mensch mir freundlich klar machen würde, dass er oder sie diesen Gegenstand in Ehren hält und wirklich dringend braucht aber kein Geld hat, würde ich sogar nur die Hälfte oder gar nichts nehmen. Aber auf „Letzter Preis“-Anfragen antworte ich meistens mit dem doppelten Preis oder blockiere die Kontakte direkt.

Und so hoffe ich, dass der Typ, der sich das Fahrrad morgen anguckt meine Erwartungen erfüllt und es so wirkt als würde er auch wirklich eine Radreise starten wollen. Er klingt sehr interessiert und eine schnelle Recherche zeigt viele vergangene Fahrradabenteuer auf Instagram. Wenn nicht, komme ich auch drüber weg und mir ist es bald darauf egal. Aber mir tut es Leid um die Person, der ich wirklich den großen Traum der Radreise ermöglicht hätte.

Das nächste Kleinanzeigendrama bahnt sich allerdings bereits an, während ich diese Gedanken schreibe. Ein begeisterter Radreisender, der gerade auf einer nahegelegenen Insel festhängt, schreibt mir bereits wegen der Anzeige von meinem Zelt und kurz darauf nochmal wegen meinem Fahrrad. Er ist sehr interessiert, auch wenn er nicht plant nach Alicante zu kommen. Also fragte er mich direkt ob ich nicht Lust habe mit der Fähre auf die Insel zu kommen. Nur um mein Fahrrad zu verkaufen? Nein, danke.

Ich sage ihm, dass ein Interessent bereits am nächsten Tag vorbei kommt, und ich höchstens jemanden berücksichtigen kann der heute noch kommt. Und dann fängt die Nachrichtenflut an. Er zeigt mir Bilder, wie weit er bereits mit dem Fahrrad gereist sei, schickt mir Fotos von seinem Fahrrad irgendwo in Russland und Asien. „Wow, das ist richtig cool, aber trotzdem, jemand kommt bereits morgen um sich das Fahrrad anzugucken.“ Ich gucke Stunden später wieder in mein Postfach nur um zu bemerken, dass eine weitere Nachrichtenflut auf mich wartet. Begründungen und Erklärungen, warum er das Fahrrad bekommen sollte und die hektische Ermahnung, ich solle ihm doch schnell sagen, ob er das Fahrrad bekommt. Außerdem gäbe es einen Flug aufs Festland, er kann nächsten Mittag bereits vor Ort sein. Ich hole einmal tief Luft und antworte „Dude, bleib ruhig, jemand anderes guckt sich das Fahrrad bereits an. Ich melde mich, wenn er es nicht nimmt.“ Seine Antwort ist ein nicht akzeptierendes „Ok, aber kannst du mir ganz schnell antworten.“ Ich spiele bereits mit dem Gedanken ihn zu blockieren.


Es ist der Tag der Fahrradbesichtigung und ich stehe entspannt auf und trinke einen Kaffee. Danach schalte ich mein WLAN am Telefon ein nur um zu merken, dass ich bereits neue Nachrichten von ihm in meinem Postfach habe: „Hey, ich nehme alles ohne Zweifel! Heute Mittag gibt es einen Flug, du musst mir nur versichern, dass ich es bekomme. Wenn du es mir nicht verkaufen willst, dann sag das bitte klar. Umsonst komme ich ja nicht.“

Ich spüre eine Stressreaktion in mir. Ich fühle mich nicht mehr wohl mit dem Typ zu kommunizieren und beschließe ihm folgendes zu schreiben: „Hey Dude, es ist nur ein Fahrrad und ich will nicht, dass jemand sinnlos durch die Gegend fliegt nur um einen Artikel bei mir abzuholen. Also sage ich dir jetzt, dass du das Fahrrad nicht kaufen kannst, damit du dich beruhigen kannst.“ und blockiere ihn auf Facebook. Ich habe keine Lust mehr auf diese Art, wie er mich unter Druck setzt und einfach kein „Nein“ akzeptieren kann. Es ist nur ein Fahrrad, verdammt.

Und ich denke, dass das Spektakel damit vorbei ist. Er ist blockiert und die Anzeige ist abgeschaltet, weil ich in der Zwischenzeit das nette Pärchen aus dem Nachbarstädtchen getroffen habe und sie das Fahrrad gerne mitgenommen haben. Ein bisschen wehmütig bin ich schon, aber es fühlt sich richtig an. Ich bin eher der Backpacker, war ich die letzten Jahre und will ich auch wieder sein.

Zufrieden komme ich zu Hause an und gucke nochmal in mein Postfach. Eine Nachricht im Postfach von meinem offiziellen Facebook Business Profil wartet auf mich. „Hey, du wirkst ja nicht so nett wie du dich auf der Facebook Seite präsentierst. Also ich könnte heute noch kommen, mein Flieger geht heute Abend. ich gebe dir 200€ für das Fahrrad, dann nochmal 200€ für die Taschen und 50€ für das Equipment aber ich muss wissen, dass ich es bekomme.“ Mir rutscht das Herz fast in die Hose. Was für einen verrückten Stalker habe ich denn da an Land gezogen? Der Preis, den er mir bietet ist fast doppelt so hoch, wie ich eigentlich verlangt habe. Doch wie ich bereits sagte, geht es mir nicht ums Geld.

Ohne Antwort blockiere ich ihn auch von meinem Business Account und versuche mich zu beruhigen. Ich warte fast darauf, dass er noch mein Instagram ausfindig macht und mir zwiespältige Kommentare hinterlässt. Aber zum Glück bleiben meine sonstigen Postfächer leer.

Ich denke mir aber, wie harmlos meine Geschichte eigentlich ist und dass es zum Glück nur um ein Fahrrad geht und er nicht meine Adresse kennt. Aber ich muss an eine Geschichte denken, die ich ein paar Tage zuvor gelesen hatte. Eine Frau schrieb ihre Erfahrungen über zwielichtige Begegnungen mit Männern im Treppenhaus ihres Wohnhauses. Eines Tages fand sie einen Brief, der unter ihrer Wohnungstür durchgeschoben wurde, mit der Nachricht von einem Mann der sie „im Treppenhaus gesehen habe und sehr attraktiv findet“ und der Bitte um Kontaktaufnahme. Verdammte scheiße. Einige Männer müssen ganz schnell lernen, dass anonyme Liebesbriefe nach der Grundschulzeit anfangen gruselig zu werden und dass „Nein“ einfach „NEIN!“ bedeutet.

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