13/10/2020 – Fünf Bänke für Avignon

Ich habe mich entschieden draußen zu Abend zu essen. Irgendwo auf einer Parkbank oder am Flussufer. Je nachdem was ich früher finde.

In den Supermärkten in einer französischen Stadt ist es als Vegetarier schwer einen Snack für unterwegs zu finden. Jedes Sandwich heißt „Poulet irgendwas“ und jeder Salat endet mit „de Thon“. Am Ende wird es traditionell französischer Coleslaw nach KFC-Art, eine Landgurke, ein Bio-Vollkorn-Baguette und eine kleine Tüte Chips.

Mit meiner Einkaufstasche aus Neuseeland voll mit meinen Leckereien laufe ich los. Mein Plan ist es die Pont d’Avignon zu sehen während ich esse und so schlängle ich mich durch die urigen Gassen und versuche den Weg aus der Stadt zu finden. Obwohl ich nur ein paar hundert Meter von der Stadtmauer entfernt bin muss ich mindestens fünf Mal auf mein Handy gucken um den Weg nach draußen zu finden. Wenn man nicht aufpasst ist man schnell mal im Kreis gelaufen.

Ich finde ein Stadttor und schreite nach draußen. Die schöne Promenade direkt am Ufer der Rhone gehört natürlich den Autos. Irgendwo müssen sie ja fahren. Und wenn nicht in der Stadt, dann natürlich direkt am Fluss. Wie soll man denn sonst einen Spaziergang am Wasser genießen, wenn er nicht von dem beruhigendem röhren der Motoren untermalt wird.

Ich entscheide mich auf die andere Seite des Flusses zu gehen. Von da kann man auch die alte Brücke sehen, ich muss nur ein Stückchen weiter laufen. Und ich sehe dort drüben Bänke und eine kleine Parkanlage.

Ich schlendere in Ruhe über die Brücke. Der Himmel ist größtenteils blau mit ein paar schönen weißen Wolkenfetzen. Die Sonne scheint zum ersten Mal seit Tagen warm auf mein Gesicht. Ich blicke zurück und sehe die schöne Silhouette von Avignon. Alte weiß-beige Ziegeldächer, Kirchen die darüber hinaus ragen und die alte Stadtmauer. Mit dem Himmel als Hintergrund einfach ein schöner Anblick.

Von der Brücke sehe ich auch den Grünstreifen direkt am Ufer und die Bänke von denen ich mir eine gleich für mein Abendessen schnappen werde. Zumindest ist das mein Plan.

Die letzte freie Bank in Sicht schnappt sich eine ältere Dame, während ich die Stufen von der Brücke zum Ufer runterstapfe. Ich mache meiner Frustration darüber Luft, indem ich wie wild in meine Maske reinfluche. Ich amüsiere mich über meine unverhältnismäßige Reaktion und darüber, dass die arme Frau ja nicht ahnt, welche Schimpfwörter ich ihretwegen in meine Maske murmele.

Ich fluche weiter vor mich hin, während ich auf die Uferpromenade zulaufe. Die Menschen auf den Bänken machen nicht den Anschein, als würden sie bald aufstehen wollen. Ein älterer Mann mit hellbrauner, viel zu großer Hose, Hosenträgern und eingestecktem Hemd läuft mit mir auf den Fluss zu. Ich spüre, dass er ebenfalls auf der Suche nach einer freien Bank ist und empfinde bereits jetzt die tiefste Verachtung ihm gegenüber.

Am Ufer angekommen, sehe ich, dass sich entlang des Grünstreifens, hinter der Biegung des Flusses und den Farnen vom Schilf noch weitere Bänke verstecken. In entspanntem Schneckentempo mache ich mich hoffnungsvoll auf den Weg zu meinem möglichen Sitzplatz.

Jede Person, die bereits sitzt, wirkt so als würde sie nie wieder aufstehen wollen. Eine ältere Dame mit Blick zum Sonnenuntergang sinniert vermutlich noch weitere Stunden über ihr Leben. Der Herr mit dem Buch, wird den dicken Wälzer vermutlich noch zu Ende lesen, bevor er aufsteht. Es könnte ja sein, dass man hier nie wieder einen Sitzplatz zum Lesen findet. Schließlich bin ich nicht der einzige Parkbesucher auf der Lauer. Ich erspähe immer erst den Mülleimer neben der Bank und dann die Bank selber. Wie ein Trommelwirbel baut das die Spannung in meinem Körper auf, bevor das Schilf die Sicht auf die Sitzfläche freigibt. Wieder besetzt. Verdammt.

Warum ist auch nur neben jeder fünften Laterne eine Bank. Avignon hat ja wohl mehr Bewohner als das und die wollen irgendwo sitzen. Ich laufe weiter.

Das Schilf öffnet die Sicht auf die nächste Bank. Sie ist frei. Panisch verfolgt mein Blick den Mann mit den Hosenträgern. „Wehe, du setzt dich auf die Bank.“ Zu meinem Erstaunen tut er es nicht, obwohl er bereits müde wirkt. Doch ich bemerke, dass da noch etwas ist. Eine kleine hellbraun-gelb gestreifte Katze sitzt ganz brav zwischen Mülleimer und Bank.

Ich werde nicht schneller, gehe aber geradewegs auf die Bank zu und setze mich. Geschafft.

Die Katze hat ein verletztes, triefendes Auge und wirkt nicht gerade sehr gesund. Sie springt zu mir auf die Bank und tätschelt mir mit einer Pfote gegen das Bein. Ich mag ja Katzen, aber ich brauche gerade keine Flöhe in meinem Essen. Ich scheuche sie von der Bank und fange an mein Essen auszupacken. Bei dem Knistern meiner Einkäufe starrt sie mich ununterbrochen an und beobachtet interessiert was ich da tue. Ich kann mir schon vorstellen was passiert wenn ich die ganzen Tüten und Boxen öffne und habe keine Lust mein Essen vor neugierigen, krankheitserregenden Pfoten zu bewachen. Die Katze springt wieder neben mir auf die Bank. Ich entschließe mich weiter zu ziehen.

Die nächsten zwei Bänke sind wieder besetzt. Langsam frage ich mich, ob ich überhaupt mal zum Essen komme. Auch mein Erzfeind läuft weiterhin etwas versetzt vor mir auf dem Grünstreifen. Die erste Bank am Horizont ohne Katze und Mensch kommt zum Vorschein und ich beobachte die Gehrichtung des alten Mannes ganz genau. Ich glaube den Mann für eine Sekunde bereits hinter der Bank zu sehen, doch leider täuschte mich ein Knick in der Optik und er setzt sich zufrieden. Arschloch. 

Mittlerweile bin ich halb verhungert. Als ich an diesem Scharlatan und seiner Bank vorbeilaufe ignoriert er mich gekonnt und starrt in die Ferne so als wäre nichts gewesen. Aber ich glaube, er weiß ganz genau was er mir angetan hat. 

Die nächste Sitzgelegenheit ist allerdings wieder frei und niemand in der Nähe, der mir meine Gelegenheit streitig machen könnte. Ich bin ja auch nur bereits mehr als einen Kilometer an der Uferpromenade entlangspaziert. Wenigstens befinde ich mich jetzt ziemlich genau auf der gegenüberliegenden Seite der Pont d’Avignon.

Ich breite mein Essen über die ganze Bank aus, schneide meine Gurke auf und drapiere sie auf meiner Lunchbox aus Edelstahl. Das Baguette wird in Stücke gerissen, auf meiner Tasche ausgelegt und neben mir steht die offene Packung Krautsalat. Ich packe meine Campinggabel aus und fange mit der Zubereitung an. Ich packe viel zu viel Krautsalat auf das Baguette und quetsche dann noch Gurken dazu, so dass das ganze Sandwich überläuft. Ich beiße beherzt rein und saue mich total zu. Der Inhalt von dem Brot tropft vor mir auf den Boden und auf meine Finger.

Die Passanten, die das Spektakel beim Vorbeigehen beobachten, tuen so als würden sie mich nicht sehen und gegrüßt werde ich schon gar nicht, obwohl ich bei meiner Picknick-bedeckten Bank mindestens ein „Bon appétit“ erwartet hätte. Für Frankreich sind meine Manieren beim Abendessen wohl nicht chique genug.

Ich beiße einfach weiter in meine völlig überladenen Sandwiches und kleckere den ganzen Gehweg voll. Auch wenn ich das selbst ziemlich lustig finde und nach jedem Biss völlig verschmiert die Passanten angrinse bekomme ich keine Reaktion. Naja. Ein paar Kinder grinsen blöd zurück. Vielleicht ist das Level meines Humors nach ein paar Wochen auf Reisen wieder auf dem Niveau eines Dreijährigen. Wer weiß.

Weiter lesen...?

Inspiration, Motivation & neue Perspektiven

Kostenlos direkt in dein Postfach

    Datenschutzbestimmungen